Sarah Lesch – Gute Nachrichten
Meadow Lake Music GmbH / Rough Trade Distribution (2024)

(12 Stücke, 43:43 Minuten Spielzeit)

Endlich mal wieder „Gute Nachrichten“ lese ich beim ersten Blick auf das Presse-Material des neuen Albums von Sarah Lesch, die können wir und eigentlich die gesamte Erdbevölkerung gut gebrauchen. Das bleibt zuerst einmal hängen bei mir, mit der Hoffnung das es tatsächlich auch unser Leben auf dieser gefährdeten blauen Kugel betreffen könnte, denn die Hoffnung stirbt zuletzt sagt man. 


Und ja, im weitesten Sinne schon, denn auch „Gute Nachrichten“ für jeden einzelnen, hier für die variantenreiche Liedermacherin Sarah Lesch, haben in der Summe auch für viele eine Bedeutung und Auswirkung. Denn solche Aussagestarke Lieder mit aktuellem Bezug nehmen viele Hörer mit, werden oft zu Lebensbegleitern in (wieder mal) garstigen Zeiten. Aber ich schweife ab. Die im thüringischen Altenburg März 1986 geborene, dann ab 1991 in Baden-Württemberg lebende und lernende Lied-Poetin, Vater ist der Musiker Ralf Kruse, lebt nun seit Ende 2015 in Leipzig. Das bis heute unaufgeklärte Verbrechen an ihrer Oma Hannelore brachte sie als Autodidaktin zur Musik, mit Liedern und Texten hat sie versucht diese tragische Geschichte zu verarbeiten.

Sarah wurde bereits mit 17 Mutter von Sohn Belay (zu sehen im aktuellen Video: „Was Soll Ich Sagen?“), nun erst mal Hausfrau begann sie in ihrer Küche erste Lieder aufzunehmen. Relativ schnell folgten Auftritte und 2012 folgerichtig das Debüt „Lieder Aus Der Schmutzigen Küche“ komplett in Eigenregie unter dem Pseudonym Chansonedde. Sie spricht Klartext, das kann man auf ihren inzwischen sieben Alben deutlich hören. Der Kult-Rocker Udo Lindenberg nannte sie 2016 in seiner Laudatio zum Panik-Preis: „Eine Klartextsprecherin, von denen unsere Bunte Republik Deutschland mehr braucht. Unterhaltung mit Haltung, yeah, das ist Sarah Lesch.“

Nach dem kontrovers diskutierten Titel „Testament“ von „Von Musen & Matrosen“ (2015) und ihrem, wie sie selbst sagt „vulnerablen Moment“ mit dem 2021-Album „Triggerwarnung“ ist Sarah Lesch nun im neuen Gewand, aber wie gewohnt aktuell und kritisch, mit ihren „Gute Nachrichten“ voller Lebensfreude; Kraftvoll, Stimmgewaltig und mit gewohnt nachdenklichen deutschsprachigen Botschaften zurück. Sie erzählt in Rock-Musik gewandete Geschichten, poetisch, sehr authentisch und ultra-zeitgemäß, trotz auch mal minimaler Instrumentierung und ruhiger Rhythmik mitunter sogar episch, selten Refrains oder wiederholende Floskeln, eben eine moderne Klartextsprecherin mit Gitarre, Ukulele und viel Haltung. Yeah, Udo-Panoptiker.

Und dass Sarah Lesch ihre Mission kompromisslos weiterverfolgt, zeigt schon der Blick auf das neue Cover. Wie sie selbst sagt, krempelt sie als Lieder-Erzählerin ihr Image konsequent um, läutet mit zeitgemäßen, modernen Kompositionen von „Gute Nachrichten“ einen starken Neuanfang ein. Das merkt man sofort beim Einblenden ins Album mit Effekten und Nachrichten-Sprecherin Marietta Slomka im Hintergrund. Und dazu passt auch der Wechsel des Labels (Meadow Lake Music) und Vertrieb (Rough Trade), wobei neu nur dafür passend ist. Für die Musik, Texte, Arrangements gibt es genau, dass was man von der selbstbewussten Sarah gewohnt ist. Immer am Puls der Zeit, es wird keine Kompromisse bei Themen oder musikalische Umsetzung gemacht. Wortgewand immer gerade nach vorne raus, rockiger, wilder, direkter, scharfkantiger als je zuvor, genauso wie sich Sarah auf dem Cover-Bild präsentiert. Sie knüpft damit auch an die emanzipierten Frontfrauen der Neuen Deutschen Welle der 80er an. Sarah Lesch hat mit diesem konsequenten Neuanfang und mehr Distanz zum bisherigen Umfeld zwar ein Kapitel der Karriere hinter sich, aber damit auch mehr Autonomie zurück und startet einen Aufbruch zu neuen Ufern. Und wenn ich mir das alles so anhöre und ansehe ist ihr das wirklich gut gelungen.

Neues Team, Musiker, Label, Tour (startete am 18. April in Nürnberg), diese musikalischen Schwerpunkte klingen für mich nach noch weniger reinreden lassen, sind echt gut für Sarah und ihre „Gute Nachrichten“. Die Band ist hochkarätig besetzt und passt hauteng zu ihrer selbstbewussten Frontfrau; Norman Dassler (Felix Meyer), Dominique „GAGA“ Ehlert (Schwarzkaffee, Dark Suns, MAARP), Sascha Stiehler (Max Prosa) und Bassist Sebastian Gleck, hier haben sich die richtigen gefunden. Schon beim ersten durchhören der 12 lautstarken Lieder merkt man, hier musiziert eine phantastische Truppe, der Begriff Begleitmusiker ist hier meines Erachtens unangemessen, die durch eine charismatische ultradirekte Frontfrau Sarah eine Menge zu sagen hat über Befreiung, Liebe, Respekt, Diversität und vieles mehr. Instrumentierung, Solos, Chorgesang, Effekte dienen dosiert eingesetzt immer der Geschichte die erzählt werden soll, also jederzeit Lieddienlich. Dabei verliert die Lied-Poetin und „Sonderfall“ Sarah Lesch nicht ihren musikalischen Werdegang aus den Augen, im Gegenteil sie bleibt klartextlich, deutlich, freizügig, bisweilen bissig. Und all das nimmt man den „Gute Nachrichten“ absolut ab !!

Ich habe dieses Quintett vor Augen auf den Bühnen der Republik, wie sie bei leisen Liedern wie „Wenn Er Nicht Trinkt“ und „Dopamin“ oder lauten Rockern wie „Mein Manager“ (kriegt Schwitzdurchfall im Overall 4-mal im Quartal), „Kapitalismus“ und „Dey“ verschmelzen, alle gemeinsam singen und feiern, sich anstecken lassen von dem Energiestrom der wie bei einem Virus überspringt zum Publikum. Warum, weil sie genau darüber authentisch singend erzählen was auch viele Menschen vor der Bühne erleben, bewegt, umtreibt, beschäftigt. Auch der Ablauf des Albums ist mit fünf dynamischen Stücken zu Beginn in Reihe und der Erholungspause im mittleren Teil gut und ausgewogen.

Bereits im letzten Dezember ist die erste Single „Nie Wieder“ erschienen, 2016 geschrieben, 2024 aktueller denn je und in beiden Versionen ein Hinseher/-hörer erster Klasse. Nicht überraschend wohl ihr persönlichstes Lied auf dem Album und damit nicht grundlos an das Ende des Albums platziert, gleichzeitig eine starke Stellungnahme und deutliche Abrechnung. „Nie wieder“ kann aber auch deutlich als Neuanfang assoziieren, und den hat Sarah Lesch mit ihrer Truppe und ihren guten Nachrichten geschafft. Passgenau in diesen aufgeregten Zeiten erscheint mit „Gute Nachrichten“ Sarah’s erfrischender Befreiungsschlag, der durchaus einer für viele andere werden könnte. Wer sich für die Premium Edition als Hardcover Buch entscheidet, bekommt noch „Lass Es Los“ (Studio-Demo), „Nie Wieder“ (Akustik Duo-Version), „Was Soll Ich Sagen?“ (Backstage-Version) sowie die Akkorde der Songs, alle Songtexte, weitere Gedichte und Essays obendrauf.

Ja, es ist schon wieder passiert, ich als am selben Tag wie Sarah Lesch geborener, schreibe erneut nach Melanie Age aus Dresden und Carola Thieme aus Würzburg einen Beitrag über ein bärenstarkes Album einer modernen, selbstbewussten Liedermacherin, ein Kind von Ost und West. Und ich mache es sehr gerne und freue mich das ich durch das Schicksal wieder mal auserwählt wurde. Vielleicht doch nicht so zufällig, denn ich selbst (und immer an meiner Seite Feierbiest Christa) habe bereits schon in den 80ern ähnlich starke Ladies und ihre musizierenden Mannschaften erlebt, beispielsweise punkig Ina Deter, poppig Helen Schneider, bluesig Inga Rumpf, episch Ulla Meinecke. Und nun bespielt von Mitte April bis in den Juni Sarah Lesch nonstop die deutschen Bühnen, bringt ihre „Gute Nachrichten“ unter das Volk, knüpft damit nahtlos an die genannten aussagestarken Frauen an. Ich wünsche allen vor und auf der Bühne, bitte feiert dass sich die Balken biegen!!

Roland Koch, Mai 2024

   

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